Imre Török, Die Königin von Ägypten in Berlin

Der Roman ist 2017 erschienen. Die ergreifende, spannungsvolle Geschichte spielt 1943 in Berlin und ist zugleich Spiegelung der Gegenwart. Die Romanheldin, "die Königin von Ägypten", ist Djavidan Hanum, eine historische Person. Sie war Schriftstellerin, Komponistin, Malerin und Frauenrechtlerin, geboren 1877 als ungarische Gräfin May Török von Szendrő. Anfang des 20. Jahrhunderts nahm sie als Ehefrau des Khediven (Herrscher) von Ägypten den Namen Djavidan Hanum an. Zurück in Europa lebte sie u. a. in Wien und Berlin. Sie starb 1968 in Graz. Djavidan Hanum und ich gehören derselben traditionsreichen ungarischen Adelsfamilie an. Von ihrem Leben voller Abenteuer in Amerika, Europa, Ägypten und Istanbul handelt das Buch. Zugleich erzählt es von einer leidenschaftlichen Liebe in den Tagen des Krieges, von der Magie der Kunst, vom Lebensrecht aller Lebewesen in einer Welt voller Gewalt. Die "Begegnung" in Berlin zwischen Nofretete und ihrer späteren Nachfolgerin Djavidan auf dem ägyptischen Thron zählt zu den Höhepunkten des Romans. Entscheidende Szenen spielen im Nationaltheater Weimar und im KZ Buchenwald. Die Romanhelden riskieren dabei ihr Leben. Historische Figuren, u.a. Sophie und Hans Scholl, Falk Harnack treten im Roman ebenfalls in Erscheinung. Das Buch thematisiert nicht zuletzt den Widerstand gegen Diktatur und Faschismus, durchaus auch bezogen auf heute.

Eine Collage aus historischen Fakten und traumhafter Fiktion und "ganz große Literatur", wie der Kritiker und Romanautor Peer Langenfeld schrieb.

"Es gibt Romane, die beeindrucken so stark, dass es der ganz großen Worte bedarf, um ihnen in der Bewertung gerecht zu werden. Imre Töröks neuester Roman 'Die Königin von Ägypten in Berlin' ist so einer. Hier zeigt sich ein Großmeister des Erzählens, ein Magier der Sprache; er ist Steppenwolf und der Glasperlenspielmeister (Magister ludi) Josef Knecht in einem, gerade dort, wo ein spielerischer Umgang mit geistig-seelischen und kulturellen Inhalten gepflegt wird, angeleitet von Djavidan, der Hauptfigur, und symbolisch gipfelnd im "Himmel-und Hölle-Spiel", das mancher vielleicht noch aus seiner Kindheit kennt, aber gewiss noch nie so erklärt bekommen hat."
Hans Zengeler, Schriftsteller, Romanautor

Hier erzähle ich in einem Interview über meinen Roman: http://interviews-mit-autoren.blogspot.de/2017/07/helga-konig-im-gesprach-mit-dem.html

Aktuelles zum Roman auch auf meiner Facebookseite: https://www.facebook.com/imre.torok.9849

Klappentext von Nina George

Bestseller-Autorin Nina George im Klappentext des Romans:

Imre Török hat noch immer das Herz eines zutiefst erschrockenen Kindes – und dieses Kind schreibt traumverloren, drastisch und sicher über Krieg, über Liebe, über das Damals, das so dicht am Heute entlang schrammt, dass es zwischen unseren Händen und Buchdeckeln empor wächst.
Dieses Buch tanzt. Es weint, es schreit, es verlockt, es verwirrt. Genauso muss Literatur sein.
Török ist ein Weltenwanderer.

Nina George
Schriftstellerin, Bestsellerautorin
Romane: "Das Lavendelzimmer", "Das Traumbuch", "Die Schönheit der Nacht"
(Eintrag Nr. 1)

Autorin Ursula Günther zum Roman

Ich hätte das Buch gern ohne Pause gelesen, aber mein Zeitbudget ließ es nicht zu. Doch als ich es nach etlichen Pausen zuklappte, wusste ich, dass ich es unbedingt bald noch einmal lesen werde.
Meine erste Begegnung ging so:
Ich schlug es auf einer beliebigen Seite auf, da zog mich der Name einer Stadt in den Bann, es war der meiner Heimatstadt Guben.
Wie kommt in Imre Töröks Buch mein kleines Guben, gelegen am östlichsten Rand Deutschlands, hinein? Fürs erste vergaß ich meine Frage, denn das Buch selbst und die fast märchenhaft anmutende Heldin und schillernde Persönlichkeit Djavidan Hanum zogen mich in ihren Bann.
Trotz aller Dramatik scheint stets ein feiner Humor auf. Da schreibt jemand, dachte ich, dem Schweres durchaus selbst geläufig ist, der aber gleichzeitig die Menschen sehr liebt.
Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen.

Ursula Günther veröffentlicht unter dem Pseudonym "Charlotte Buchholz", u.a. "Jans blinkende Welt".
(Eintrag Nr. 2)

Ein ganz besonderes Buch

Ein ganz besonderes Buch.
Imre Török ist verwandt mit Djavidan Hanum, geborene Gräfin May Török von Szendrö. Möglicherweise gelingt es ihm auch deshalb, die Figur der Künstlerin, Globetrotterin und Freiheitskämpferin bereits nach wenigen Sätzen lebendig werden zu lassen. Djavidan tritt auf und bezaubert nicht nur ihren entfernt Verwandten, den ungarischen Diplomaten, auch der/die Leser/Leserin wird sofort in ihren Bann gezogen.
In den dunklen Jahres des zweiten Weltkriegs zeigt sich Widerstand durch die Kraft des Humanismus. Ein sehr poetisches, sprachgewaltiges Buch, das trotz des dunklen geschichtlichen Hintergrundes den Leser/die Leserin durch starke Bilder und Gedanken glücklich und zuversichtlich hinterlässt.

Rezension von Regina Reich (7. Februar 2018, amazon)
(Eintrag Nr. 3)

Autorin Christine Neumeyer zum Roman

Umso älter ich werde, desto lieber lese ich Bücher mit einem ernsten, tiefgehenden Grundthema, die dennoch einen letztlich positiven und hoffnungsfrohen Eindruck hinterlassen, wie das Buch von Imre Török.
Christine Neumeyer, Schriftstellerin, Wien
Bücher u.a.: "Mit der Kraft von Purpur","Spargelmorde", "Die Päpstin von Mailand"
(Eintrag Nr. 4)

Autorin Nicole Walter zum Roman

"Gefrorene, doch gerade süß tauende Einsamkeit verschlingt sie. Ein Sog des Weltalls reißt mit erdferner Melodie ihre Seelen aus dem Leib. Sie keuchen, sie jauchzen, sie jammern. Während silbrige Kristallfäden von ihren Netzhäuten über fiebrig zitternde Nervenbahnen in alle Körperzellen perlen, gleichsam einzelne Töne einer allumfassende Melodie."
Es ist nicht nur die Geschichte der Königin von Ägypten in Berlin, wundersam, ergreifend, spannend und traurig, es ist die Magie der Sprache, die mich in den Bann, mehr noch in eine andere ferne Welt zieht. Sätze wie diese: "Schon immer sehen Tiere das magische Glühen des Seins, schon immer hören sie den Gesang des Universums, seit Tiere die Welt wahrnehmen."
Ich habe Imre Töröks Roman langsam gelesen, weil kein einziger Satz, kein Gedanke in der Hektik des Alltags untergehen darf. Einfach wunderbar - Die Königin von Ägypten in Berlin.

Nicole Walter, Schriftstellerin ud Drehbuchautorin
Ihr neustes Buch: "Das Glück umarmen" Ein Achtsamkeits-Roman, Droemer Knaur

(Eintrag Nr. 5)

Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern

"Kann ich nur empfehlen - Frau und Freundin waren auch begeistert!"
Michael Lobisch-Delija, Autor

Die "Königin von Ägypten in Berlin" hat mich bis gestern Nacht amüsiert, streckenweise sehr, sehr nachdenklich zurück gelassen - und Vergleiche zwischen damals und heute ziehen lassen. Beängstigendes Ergebnis das hoffentlich nie Realität wird.
Danke für den Lesegenuss von der 1. bis zur letzten Zeile! Jetzt folgt Dein Buch "Insel der Elefanten" auf das ich mich schon sehr freue.
Leserin aus Baden-Württemberg

"Das Buch ist ein Diät Buch, ich las den 1.Satz und nach 3 Stunden Lesen fiel mir ein, dass ich noch kein Mittag gegessen hatte, so musste ich schweren Herzens das Buch beiseitelegen.
Abends im Bett dann weitergelesen.
Was für ein Buch!!
Ich hatte Herzklopfen beim Lesen.
Das Buch ist echt der Hammer, und ich lese sehr viel!!"
Leserin aus Rostock

"Meine Frau hat es in zwei Tagen gelesen und meint, sie müsste es noch öfter lesen.
Jetzt bin ich dran."
Leser aus Stuttgart

Gestern Abend habe ich begonnen zu lesen und kann nicht mehr aufhören.
Es ist für mich unfassbar wie Du Dich in die letzten Kriegsjahre hinein gedacht hast.
Wo hast Du das Wissen über diese Zeit her? Klar, es gibt Erlebnisberichte schriftlich und mündlich, doch gehen Deine Gedanken nach meinem Gefühl weit darüber hinaus.
Befreundete Leserin aus Baden, sie hat die letzten Kriegsjahre, in denen der Roman handelt, als junge Krankenschwester erlebt.


(Eintrag Nr. 6)

Leseprobe

Leseprobe
Auszüge aus Kapitel 2

Der Volksempfänger meldete, dass ein feindliches Bombergeschwader in den norddeutschen Luftraum eingeflogen war. Warten auf neue Nachrichten über den Kurs der Bomber, nervenzehrendes Warten auf das Losheulen der Alarmsirenen.

Im stuckverzierten Wohnzimmer, in dem geräumigen Salon mit seiner dreieinhalb Meter hohen Decke und den großen Glaskassettenflügeltüren wirkte das Tannenbäumchen noch verlorener, armseliger.
Im Kamin hatte bis vor kurzem lodernd Feuer gebrannt, jetzt glühten die armlangen Holzscheite nach, knackten ab und an. Die Kaminkacheln strahlten die Hitze in den spärlich beleuchteten Raum. Andreas betrachtete seine Handflächen im Schein der Glut, musterte die Lebenslinien, ließ die silberfarbenen Lamettafäden wie Haarsträhnen zwischen seinen rötlich schimmernden Fingern gleiten, bevor er das Engelshaar an die Zweige des Baumkindes gehängt hatte.
Ja, sogar Zeit schien zu schrumpfen.
Er hängte einige Silberkugeln in den Baum. Aus seiner zittrigen Hand fiel eine Kugel auf das hellbraune Parkett. Zerbarst. Mit dem Fuß schob er die silbrigen Scherben unter den Abstelltisch, auf dem das Bäumchen stand.
Aus einem Pappkarton auf dem anderen, edel verzierten runden Tisch unweit des Kamins entnahm er eine Handvoll "Szaloncukor", um die süße, in weiße, silbrige und goldene Papierfolie gewickelte typisch ungarische Weihnachtsdekoration paarweise an Ästen zu befestigen. Sein Chauffeur hatte am Nachmittag den Karton mit den beliebten Weihnachtsbonbons aus der ungarischen Botschaft vorbeigebracht.

Josef erzählte, dass während ihrer Abwesenheit Häuser in seiner Straße von Bomben getroffen worden seien.
Bei Ertönen der Alarmsirenen eilten Mütter und Kinder, samt den stets bereiten Koffern mit Dokumenten und den wichtigsten Habseligkeiten, zum nächsten Luftschutzraum. Auch im Keller hörte man das Pfeifen der Bomben, kurz darauf donnerte die Explosion gegen die Kellertür. Nachdem die Bombenabwürfe nachgelassen hatten und Entwarnung gegeben worden war, verließen die Menschen den Schutzraum. Ein Kind aus einem der getroffenen Häuser lief auf sein halb zerstörtes Haus zu. Das Mädchen dachte wohl, es könne etwas Liebgewonnenes retten. Eine Puppe, ein Stofftier. Seine Mutter rannte schreiend hinter dem Mädchen her. Konnte ihr Kind nicht einholen. Es verschwand im qualmenden Gebäude. Dann stürzte ein weiterer Teil der Fassade in sich zusammen. Der Mann dieser Frau war im November in Stalingrad gefallen, das Kind nun Wochen später in Berlin.
"Der Krieg ist in unserer Straße angekommen. Er frisst unsere Kinder. Wir leben in einer grauenvollen Welt", beendete der Chauffeur seine Schilderung und verabschiedete sich mit mattwarmen Worten, wie ein Fieberkranker, "aber ... irgendwie trotzdem, schöne Weihnachten, Herr von Szendrő."
Der Diplomat überreichte Josef ein verpacktes kleines Präsent, schüttelte ihm geistesabwesend die Hand.
"Es kommen bessere, lichtere Zeiten, Josef. Auch Ihnen gesegnete Weihnachten."

Andreas hängte die verbliebenen Süßigkeiten in sein Bäumchen und gab sich weiteren Erinnerungen hin.
Der Großdeutsche Rundfunk präzisierte seine Warnung vor Luftangriffen. Andreas wusste, gleich würden die Sirenen auf den Dächern von Berlin ertönen. Die Scheinwerfer den Himmel abtasten. Die Flakgeschütze böllern.
Er drehte am Rillenknopf, schaltete das Radio aus. Zog zusätzlich die schweren dichten Vorhänge zu.
Gelb und blau und rot glomm die Glut.
Er setzte sich in einen der beigefarbenen Sessel neben dem Kamin, streifte die Hausschuhe ab, entnahm dem Silberetui auf dem runden Edelholztisch eine Zigarette und zündete sie an. Er hatte sie noch nicht zu Ende geraucht, als die Alarmsirenen aufjaulten. Heulten wie eine klagende Witwe, deren Kind unter staubigen Trümmern verblutete.

Aus der Diele vernahm er ein Geräusch.
Und wie wenn ein kühler Luftzug seine Füße berührt hätte. Langsam stemmte er sich aus dem Sessel, schlich in Socken zu seinem Schreibtisch, ertastete den Holzknopf, zog behutsam eine der Schubladen auf, griff nach seiner Pistole. Es konnte außer ihm niemand in der Wohnung sein. Seine Haushälterin hatte Ausgang. Er verzog sich hinter den Schreibtisch und ging in die Hocke. Hörte eine Detonation. Ein Abwurf weiter entfernt, denn Fluglärm hatte er noch nicht vernommen. In der nachfolgenden Stille konzentrierten sich seine Sinne auf das Nesteln in der Diele. Seine Pupillen waren aufs Äußerste geweitet. Lautlos bewegte sich einer der Türflügel.
Eine Gestalt schob sich in den Salon.

Die Erscheinung trug einen langen, dunklen Umhang. Es schien, als ob das Gewand über den Fußboden schwebe, Handbreit um Handbreit in das Wohnzimmer hinein. Die Kopfpartie von einer schwarzen, spitzen Kapuze bedeckt. Der Saum der Kopfbedeckung war mit Goldfäden bestickt und schimmerte leicht. Langsam glitt die Gestalt um die Sitzecke herum, auf den Kamin zu, verharrte davor. Andreas stellte sich vor, dass jetzt die Glimmlichter aus dem Kamin etwas Fleischiges in der Kapuzenöffnung beleuchteten.
Dass die Erscheinung ein physikalisches Wesen, eine Person sein musste, daran zweifelte er keine Sekunde. Der wallende Umhang auf dem Weg von der Tür zum Kamin verriet keinerlei Körpermaße, lediglich die Größe der Gestalt ließ sich taxieren. Andreas mutmaßte einen Erwachsenen mittlerer Größe. Und trotzdem vermittelte die Erscheinung schwebend Unheimliches, ließ in ihm Assoziationen an ein Wesen aus einem Totenreich aufkommen.
Für physikalisch erklärbar hielt er alle Wesen. Erst recht die Unwesen und die Gespenster seiner diabolischen Zeit.

Von draußen drang Flugzeuglärm in die Wohnung.
Ein schrilles Pfeifen malträtierte sein Trommelfell, drang zuckend in den Kopf. Zugleich war eine Detonation zu hören, und das Haus wurde leicht erschüttert. Die Bombe wird in der Nähe eingeschlagen sein.
Andreas zitterten die Knie in der unbequemen Hockstellung hinter dem Schreibtisch. Die schwarz verhüllte Gestalt verharrte fast regungslos am Kamin. Lediglich das Licht der manchmal aufglimmenden Glut erzeugte schattenhafte Bewegungen an den Umrissen des Gewands und der Kapuze.
Nach Abklingen des Fluglärms und nach dem Verhallen der letzten Detonationen beugte sich die Gestalt näher an die Glutasche, richtete sich wieder auf, drehte sich langsam zur Raummitte. In der Öffnung der Kapuze konnte Andreas nur Dunkelheit erblicken und aus einer diffusen Schwärze hörte er einen Flüsterton.

"Van itt valaki?", fragte die Flüsterstimme.
Andreas erhob sich vorsichtig.
Er richtete seine Pistole auf die Person, die auf Ungarisch gefragt hatte, ob hier jemand sei. Mit der Kuppe seines Zeigefingers fühlte er den Seidenfaden. Würde er jetzt abdrücken, risse der Faden.
Leben war eine simple Symbolik. Dieses mörderische Dasein nichts weiter als eine tödlich lächerliche Metapher des Weltalls.
Wo, in welchem Roman hatte er davon gelesen, dass alles in der Welt lediglich Traumgebilde, nur eine Metapher sei? Es war nicht der geeignete Zeitpunkt, jetzt darüber nachzudenken.
"Was haben Sie in meiner Wohnung zu suchen?", fragte er, ebenfalls auf Ungarisch.
"Ich benötige deine Hilfe. Wir müssen Siam retten. Er leidet."
Andreas erkannte eine Frauenstimme.
Eine Verrückte. Eine, die vom Kriegsgrauen in Wahnvorstellungen getrieben wurde. Eine Witwe, die durchgedreht durch Berlins Straßen irrte und zufällig in seine Wohnung eingedrungen war. Konnte es aber purer Zufall sein, dass sie Ungarisch sprach? Er fand es zudem beunruhigend, dass sie in seine Wohnung eindringen konnte. Oder hatte Josef die Wohnungstür nicht richtig abgeschlossen?
Größte Vorsicht musste er weiter walten lassen.
Er ließ die Hand mit der Pistole nur halb sinken, drückte mit der anderen Hand auf den Knopf der Schreibtischlampe.
Die Frau schob langsam unter dem Umhang einen Arm hervor. Sie hob ihre Hand zur Kapuze und ließ die Kopfverhüllung nach hinten gleiten. Ihr Gesicht war im fahlen Licht trotzdem kaum zu erkennen. Er sah ihr dichtes, dunkles Haar. Es glänzte.
Der Blick der Frau fiel auf das geschmückte Bäumchen, in ihrem ungarischen Singsang klang jetzt ein Lächeln.
"Szaloncukor. Wie süß du bist! Du wirst mich nicht mehr kennen, mein Junge. Ich dachte, während des Angriffs würdest du Schutz im Luftschutzkeller suchen. Darum wollte ich hier warten, bis du wiederkommst. Dann spürte ich deutlich, dass jemand im Raum ist. Ich bin May. Die Prinzessin von Ägypten."
Andreas legte umständlich die Pistole auf den Schreibtisch, ließ sie fast fallen.
"Sie sind die ...?"
Er starrte ungläubig die Erscheinung an.
Eine verrückte Ungarin in Berlin, die sich als Prinzessin aus dem Land der Pyramiden ausgibt! Er traute weder dieser Gestalt noch seinen eigenen Sinnen.
"Schau her. Du glaubst mir nicht", kicherte die eben noch Verhüllte, die sich als Prinzessin vorgestellt hatte, "schau, ich werde es dir gleich beweisen, wer ich bin."
Sie zog aus einer Stofftasche, die sie unter dem Umhang trug, ein Buch hervor.
"Mach bitte mehr Licht. Sonst bleibt bei dir ewig alles im Dunkeln."
Andreas schritt verwirrt zum Lichtschalter neben der Flurtür, schaltete die Deckenleuchte ein. Jetzt sah er auch ihr Gesicht deutlicher. Es war ihm unbekannt. Ein hübsches Gesicht.
"Hier, mein Kleiner, das Buch habe ich geschrieben. Ich wette, du hast es nicht gelesen. Harem. Erinnerungen der früheren Gemahlin des Khediven von Ägypten, Prinzessin Djavidan Hanum. Das bin ich. Erschienen ist das Buch im Verlag für Kulturpolitik in Berlin 1930. Das bin ich persönlich, die Autorin, die Djavidan. Die May."

"Das Buch ...", Andreas zögerte.
"Ja, das Buch kann jeder besitzen", schmunzelte May, "aber nicht jeder war auf den Gütern deiner Tanten zu Gast. Und erst recht nicht jeder weiß, dass dieses Schloss nach dem Ableben deiner Tanten dir gehören wird. Aber besucht hast du die Dorfschule. Eine weise Entscheidung deiner Tante. Und deine Lieblingsfreundin war die Enkelin des Lehrers. Marie hieß die Goldige, wenn ich mich recht erinnere. Und deine Leidenschaft war es, barfuß auf dem Eis zu schlittern, und du Bengel schwärmtest für den roten Grafen Károlyi und für die ungarische Revolution. Worüber allerdings deine armen Tanten die Hände über dem Kopf zusammen schlugen und ..."
Andreas strich verlegen mit Daumen und Zeigefinger über seinen Schnurrbart. Ihre Angaben stimmten. Sie sprach von der Zeit der Räterepublik in Ungarn 1919, er war damals zehn Jahre alt. Nur gaben ihm die Worte keine Gewissheit, ob er nicht bloß träume.
"Und jetzt würde ich gern duschen."
"Duschen?"
Was für ein merkwürdiger Traum!
"Ja, duschen. Merke dir, reinigen muss sich jeder. Bin seit zwei Tagen in Berlin. Vorübergehend in einer schäbigen Unterkunft, weil… Spielt jetzt keine Rolle. Finde keinen Verlag mehr, habe wenig Geld dabei. Wenigstens dich habe ich gefunden. Gibt es bei dir warmes Wasser?"
"Warmes Wasser?"
"Sonst dusche ich eben kalt."
"Kalt?"
"Na komm schon. Wirst wohl noch warmes Wasser machen können. Und weil Weihnachten vor der Tür steht, kommst du gleich mit mir unter die Dusche."
"Ich ... mit ...?"
"Sei doch nicht prüde. Ich könnte deine Mutter sein. Also Abmarsch, ins Badezimmer. Auf dich warten aufregende Tage. Wir müssen Siam retten."
"Aufregung habe ich auch ohne dich genug", rutschten Andreas die Worte heraus.
"Davon erzählst du mir später", stupste May ihn an, "jetzt reinigen wir uns. Die Vergangenheit will gründlich abgewaschen werden. Ich zeige dir, wie eine orientalische Reinigungszeremonie geht."
"Orientalische Reinigung?"
"Keine Widerrede. Ab unter die Dusche."

Ungläubig schüttelte Andreas den Kopf.
Drei Nächte zuvor auf der Autobahn die dunkle Macht des Deutschen Reiches in Gestalt Heinrich Himmlers, der ihn nach der ägyptischen Königin fragt, und jetzt in einer Bombennacht steht die strahlende Prinzessin der Pyramiden vor ihm. Es war an der Zeit, aus diesem verrückten Traum aufzuwachen.
"Darf ich vielleicht vorher, ich meine überhaupt erfahren, wie Sie ..., also wie du in mein Leben, ich meine in meine Wohnung eingedrungen bist?"
"Keinesfalls von der offenen Straße her, wo der Spitzelwagen steht. Hast du ihn noch gar nicht bemerkt? Ich bin durch die Hinterhöfe gekommen. Und mit verschlossenen Türen kenne ich mich gut aus, hier in der Gegend", sie kicherte, "und im Harem übrigens auch".
Sie hat nicht alle Tassen im Schrank, dachte Andreas. Obschon, es stimmte, der Wagen in der Straße war ihm ebenfalls aufgefallen. Man lebte in einem Überwachungsstaat. Nichts Besonderes. Seit Jahren bespitzelte jeder jeden. Botschaften und deren Angehörige mit eingeschlossen. Doch warum hatte die Frau, die sich bei ihm eingeschlichen hatte, das verfluchte Fahrzeug in der Straße erwähnt. Was wollte sie damit andeuten?
"Kalt oder heiß?"
"Was kalt oder heiß?"
"Du weißt schon."
Er wusste nur um seine bleierne Müdigkeit. Um die Ausweglosigkeit allen Denkens.
Sie ging zu dem runden edelhölzernen Tisch, ihr Gang hatte nach wie vor etwas Schwebendes. Sie klaubte zwei Zigaretten aus dem Silberetui, zündete beide an, schritt zu ihm, der noch immer wie angewurzelt in der Mitte des Salons stand. Sie schob ihm einen glimmenden Stängel zwischen die Lippen.
"Jeder hat einen letzten Wunsch", sprach sie sanft.
Sie rauchte, blies den Qualm weit in die Höhe. Sie nahm und wog die Pistole in der rechten Hand. Richtete die Laufmündung auf Andreas, dann auf sich.
Schmunzelte.
"Erschießt du mich, wenn es unumgänglich werden sollte?", sagte sie halb fragend, ironisch, mit sanftem Tonfall und zwinkerte mit einem Auge. "Wir werden sie hoffentlich nie brauchen."
Sie legte die Pistole ins offene Fach und schob es langsam zu. Dann drehte sie sich wieder Andreas zu, trat nah an ihn heran. Sie war etwa ein halber Kopf kleiner als er. Sie streifte vorsichtig mit Zeige- und Mittelfinger an seinem Gesicht bis zum Kinn hinunter entlang.
"Du wirst doch nicht vor mir Angst haben!", sagte sie einfühlsam. "Ich kenne dich tatsächlich. Zumindest als Kind auf den Gütern deiner Tanten. Das Schlösschen hinter dem Akazienwald. Erinnerst du dich noch, wie betörend süßlich die weißen Blütentrauben duften? Ja, damals wolltest du Revolutionär werden und die Bösen erschießen. Erzähltest es mir. Einen Reiter der ungarischen Revolution 1919 hättest du zu der Schule geführt. Und jetzt hast du dich seit drei Tagen nicht rasiert. So schlimm?"
"Es geht", Andreas schüttelte Anspannung aus seinen Gliedern, seine blauen Augen begannen zu lachen.
"Wir bleiben immer Kinder. Nicht alle Menschen. Aber wir schon, Herr revolutionärer Diplomat. Und jetzt machst du der Schwester Nofretetes endlich das Wasser warm."


(Eintrag Nr. 7)

Leseprobe 2

Auszüge aus Kapitel 5

Silvester öffnete mit klammen blauen Händen, tauben Fingern dem Jahr 1943 das eiserne Kältetor.
An stillen Abenden in den Januarnächten saßen Djavidan und Andreas am Kamin, streuten leise ihre Sätze ins Feuer. Manchmal las sie ihre Gedanken zu seinen Fragen vor, manchmal erzählte sie. Wenn er ihrer Stimme lauschte, schien Zeit aufgehoben zu sein. Es dauerte nicht lange, da hörte er die Melodie ihrer Stimme, auch wenn er nur ihre Aufzeichnungen, ihre Briefe las.
Es gab den realen Alltag mit seinen Anforderungen und in den Nächten wiederholt grauenhaften Bombenalarm und schreckliches Geheule. Zugleich lebte eine Djavidan an seiner Seite, von der er nicht mit letzter Gewissheit sagen konnte, warum sie bei ihm ein- und ausging, manchmal fernblieb, ihm Antworten gab, erzählte, schrieb.
Eine kaum deutbare Erscheinung.

Der Anblick des ominösen Fahrzeugs in seiner Wohnstraße hingegen wirkte sehr real und jetzt, weil Djavidan da war, beunruhigte es Andreas. Würde der Zwischenfall vor Weihnachten auf der Autobahn doch Folgen haben? Aber vielleicht galt die Observierung gar nicht ihnen. Djavidan benutzte stets den hinteren Eingang des Hauses, schlich über Hinterhöfe. Doch niemand konnte in der Ära des Hasses seines Lebens sicher sein. Spitzel lauerten überall.
Sollte er untertauchen?
Zusammen mit ihr entschwinden, mit einem schier magieumwobenen Wesen. Verrückt. Er kam seinen Verpflichtungen in der Botschaft nach, wollte davon trotz seiner oft unerträglichen psychischen Anspannung nicht lassen. Seine Bemühungen, den verhafteten ungarischen Landarbeiter Levente Sárközi frei zu bekommen, blieben erfolglos. Er musste im Lager zu finden sein, dessen war er sich inzwischen fast sicher.
Der kaltschnäuzige Lagerarzt!
Sollte er aufgeben?
Das gefrorene Meer des Krieges und die eiskalten Kriegstreiber waren an allem schuld, am Elend der Millionen, am Wahnsinn an allen Fronten, am Leiden in bestialischen Lagern, in zerbombten Städten. Henker der Menschheit waren Schuld am Tod seiner Marie, an seiner Verzweiflung und Entkräftung.
"Und dass ich hier bin", flüsterte Djavidan.
Andreas zuckte zusammen. Die Gedankenleserin!
"Ich sehe in deinen Gesichtszügen, was dich quält, Andreas", sprach sie und ließ den Rest des Rauchs durch die Nase entweichen. "Es gibt keinen Weg zurück. Wir sind nicht Romanhelden, und umzukehren würde den Tod der Seele bedeuten. Du musst durchhalten und noch vieles in deinem Herzen aushalten."
"Djavidan", jaulte Andreas auf, "ich habe die Geduld und die Kraft nicht mehr."
"Ich weiß. Auch das nervige Warten werden wir mühsam zusammen üben. Wir haben keine andere Wahl."
Wohin schließlich sollten Djavidan und er abhauen, falls sie bereits unter Beobachtung standen? Andreas wusste sehr vage von Plänen einiger Regierungsmitglieder in Budapest, die Kriegsgefolgschaft mit dem Deutschen Reich aufkündigen zu wollen. Nach dem sich abzeichnenden völligen Desaster der Deutschen Armee im russischen Winter würde ein Ausscheiden Ungarns aus dem Krieg aber unter gar keinen Umständen geduldet werden.

"Wenn Ungarn uns keine Geborgenheit mehr bietet, die Türkei ist auch ein wunderschönes, gastfreundliches Land. Dorthin werden wir gehen, sobald wir unseren Auftrag hier zu Ende geträumt haben", sagte Djavidan scherzhaft, "oder nach Ägypten."
Sie warf ein Stück Holz in die nächtliche Glut. Funken stoben hoch, kreisende Glühwürmchen in einer Sommernacht. Schrieben Botschaften der Friedenssehnsucht in die aufsteigende Luft, an die verrußte Mauerung des Schornsteins, in den gefrorenen Nachthimmel über Berlin.

"Es ist, als ob das Schiff ein großes Weinen näher trüge."
Andreas schaute Djavidan fragend an. Sie begann über ihre Erlebnisse aus dem türkisch-bulgarischen Krieg zu erzählen, holte ihr Buch "Harem", blätterte darin, erzählte weiter, las manchmal eine Passage vor.

Wir konnten dem Schicksal der Flüchtlinge nicht tatenlos zusehen. Sie schickten ihr Leid wie eine dunkle Welle uns entgegen. Der Khedive stellte seine prächtige Privatjacht zur Rettung der in Not und Elend geratenen Menschen zur Verfügung. Menschen? Flüchtlinge sind keine Menschen mehr! Es sind gejagte, gehetzte, verstörte Wesen, denen grausamste Ungerechtigkeit Menschentum und armseligstes Dasein raubte.
Die Mahrussa, so hieß die königliche Jacht meines Mannes, nahm Flüchtlinge ohne Unterschied ihres Glaubens oder ihrer Volkszugehörigkeit auf, um sie über das Mittelmeer nach Alexandrien zu bringen. Vor ihrem Eintreffen richteten wir das dortige Palais des Khediven mit Hunderten von Betten und mit Matratzen als Asyl ein. Wie es sich später herausgestellt hat, reichten die Schlafmöglichkeiten gar nicht aus, viele mussten auf zusätzlich herbeigeschafften Teppichen schlafen. Denn die Mahrussa kehrte völlig überfüllt, mit etwa zweitausend Flüchtlingen an Bord, zurück.
Wer hätte sich das zuvor vorstellen können, dass über kostbarste Teppiche von Abbas Hilmis Jacht barfüßige Flüchtlinge schreiten würden? Ich habe noch heute die Bilder vor Augen, das sonnenglühende ägyptische Ufer, und wie die Scharen von der Jacht über die Landungsbrücke kommen. In Fetzen und Lumpen gehüllte Gestalten verlassen das edle Schiff, sie klagen und jammern, sind übelriechend nach der Fahrt auf der überfüllten Jacht, sie hasten auf weißen Marmorfliesen zum Eingang des Palais. Ihr Jammern hat sich bis heute in meine Ohren eingegraben, löst noch immer Hass aus, Hass auf jene, die Schuld sind am Krieg, an Not, an Flucht.
Andreas! Wie können wir bloß so viel Elend in so kurzer Zeit erschauen, ertragen, in unserer Seele bewältigen? Wir können, weil wir müssen, solange wir etwas besser dran sind als jene in ihrer Todesangst. Die Todesfurcht eines Flüchtlings, der auf der Flucht noch lange nicht weiß, ob er seinem vormaligen Grauen auch tatsächlich entkommen ist, sie schreit genau so laut nach Hilfe, wie die Wesen, die hilflos eingesperrt sind, an der Front, in Gefangenlagern, in Käfigen der Gewalt, im Zoo des Lebens.
Und ich will helfen, ich muss helfen. Oft wickelte ich ein Kind aus, das nur mehr wie ein Stück rohes Fleisch aussieht. Wochenlang, monatelang waren diese Mütter geflohen, umhergeirrt, und ihre Kinder blieben in ihrem Schmutze liegen. Auch noch auf dem bergenden Schiff war die Todesangst in ihnen. Ihre verkrampften Arme lösten sich nicht, konnten sich nicht entschließen, das gerettete Kind loszulassen. Alle Schrecken waren noch so gegenwärtig, dass sie nicht zum Bewusstsein der Rettung kamen.
Die Geschäftsleute von Kairo und Alexandrien unterstützten unsere Rettungsaktion, schickten Lebensmittel, Kleidung, Teppiche, Tabak.
Meine Dienstmädchen halfen, Kinder und Frauen zu waschen. Die Flüchtlinge erfuhren, dass viele meiner Mädchen keine Mohammedanerinnen waren. Da schämten sie sich, wollten sich von Ungläubigen nicht ausziehen und reinigen lassen, obwohl sie selber nicht mehr die Kraft dazu hatten. So ging ich, die Hanum-Effindi, die Königin von Ägypten – Djavidan kicherte – in die Waschräume und sagte:
"Alle sind Mohammedanerinnen, denn alle glauben an Gott."
Das beruhigte das Gewissen der Flüchtlingsfrauen und sie ließen sich reinigen.

"Bist du, eine Ungarin, eine echte Mohammedanerin geworden?", unterbrach Andreas ihre Erzählung.
"Würde dich das stören?"
"Hm. Nein, ich glaube, nein. Es ist nur sonderbar."
"Ja, es mag sonderbar erscheinen, dass eine ungarische Gräfin ihrem türkischen Mann auf dem ägyptischen Thron zuliebe dessen Religion annimmt. Abbas Hilmi hat das nicht von mir erwartet. Jedoch die Rolle der Ehefrau des Khediven, einer Königin von Ägypten", Djavidan untermalte ihre Worte erneut mit einem selbstironischen Lachen, "sie erforderte die Konvertierung. Die so genannte Realität, die angebliche Realwelt, sie fordert uns mächtig viel ab. Fast bis zur Selbstaufgabe quälen und drangsalieren und erniedrigen sie uns, die scheinbar übermächtigen realen Verhältnisse. Aber Andreas, mit welcher Art religiöser Ehrfurcht wir uns vor der Schöpfung verneigen, spielt nicht die entscheidende Rolle. Wenn doch Millionen im Namen von Allah oder des jüdisch-christlichen Gottes jubelschreiend in den Krieg ziehen, wenn sie wehrlose Menschen in Flüchtlingselend und in den eiskalten Tod hetzen. Echte Religiosität? Weißt du, echt ist …"

Es klingelte und es klopfte gleichzeitig heftig an der Wohnungstür. Sie zuckten zusammen, sahen sich ängstlich an.
"Wie kann ich verschwinden?", flüsterte Djavidan.
"Geh schnell ins Bad, entkleide dich."
"Öffnen Sie sofort die Tür", schallte es von draußen.
"Das wird nichts mehr nützen", sagte Djavidan halblaut.
"Schnell. Ins Bad!", antwortete ihr Andreas, während er schon zur Eingangstür unterwegs war.
Er öffnete. Ein uniformierter Polizist und einer in Zivil standen davor und traten sofort ein.
"Sie sind Andreas von Szendrő?"
"Ja."
"Pass."
Er holte das Dokument.
"Wer ist noch in Ihrer Wohnung?"
"Nur meine Ehefrau Magda", sprach Andreas mit überlauter Stimme.
"Ihre Ehefrau ist verreist. Wer ist noch in der Wohnung?"
"Meine Frau ist wieder zurück, sie ist im Badezimmer."
"Das werden wir ...", sagte der in Zivil.
Andreas packte ihn am Mantelärmel.
"Unterstehen Sie sich!"
"Unterstehen S i e sich!", schnauzte der Mann zurück.
Indessen durchschritt der Uniformierte alle Räumlichkeiten der Wohnung, schaute sich gründlich um.
"Wenn Ihre Frau also nicht verreist ist, wird sie ja ihren Pass hier haben, nicht wahr", grunzte mit breitem Grinsen der Mann in Zivil, und Andreas dachte, genau so habe er sich immer ein Agentenschwein vorgestellt.
"Kommen Sie mit", sagte Andreas, ging in den Salon und rief unterwegs laut auf Deutsch. "Beunruhige dich, Magda, mein Schatz. Es ist nur eine leidige Kontrolle und ist gleich wieder vorbei."
Langsam, umständlich schob er eine Schublade seines Schreibtisches auf, entnahm ihr einen Diplomatenpass, gab ihn dem Geheimpolizisten. Mit der anderen Hand spielte er am Knopf der geschlossenen Schublade, worin seine Pistole lag.
In dem ungarischen Dokument standen tatsächlich ordnungsgemäß alle Angaben der Ehefrau des Diplomaten. Der von der Gestapo schüttelte ungläubig den Kopf.
"Wer außer Ihrer Frau ist noch im Bad?"
"Niemand sonst. Es ist momentan niemand außer uns in der Wohnung. Magda, mein Schatz", rief Andreas erneut laut, "zieh dir bitte einen Bademantel an, ich muss diesen ungläubigen Thomas überzeugen. Es wird nichts passieren, er schaut nur kurz herein."
Andreas nahm dem Geheimpolizisten den Pass aus der Hand, schob ihn förmlich vor sich her zur Badtür, klopfte, öffnete, steckte seinen Kopf hinein, zwinkerte und sagte leise, dass alles gut gehen werde.
"Sie Flegel", wandte sich Andreas zu dem borstigen Gesicht, "nun glotzen Sie, ob außer meiner Frau noch jemand hinter dem Duschvorhang sich versteckt hält. Und morgen werde ich wegen Ihres Benehmens Beschwerde einlegen."
Der Geheimpolizist zog seine Fellmütze mit den herunter hängenden Schweinsohren aus, schwitzte sichtlich, schob die Tür etwas weiter auf, blieb vor der Tür stehen, beugte seinen Oberkörper in den kleinen Raum, in dessen Mitte Djavidan in weißem Bademantel stand. Es war mit wenigen Blicken festzustellen, dass niemand sonst sich im Bad aufgehalten hatte.
Wieder schüttelte der Geheimpolizist den Kopf und gab dem Uniformierten das Kommando zum Aufbruch.

"Wie hast du das bloß geschafft?", fragte Djavidan, als sie wieder angekleidet aber noch fröstelnd zum Kamin kam und sich sogleich ein Glas mit Cognac vollgeschenkt hatte.
Er seufzte tief aufatmend.
"Ich bekam schon vor Tagen ein mulmiges Gefühl. Darum habe ich in der Botschaft von meinem Freund, er heißt Sándor, eine vertrauenswürdige Person, einen zweiten Pass auf den Namen meiner Frau ausstellen lassen. Somit hast du jetzt zwei Identitäten, eine echte und eine gefälschte."
"Ich habe viele Identitäten, Andreas, und alle sind sie echt", sie nahm große Schlucke, "aber ganz lieben Dank für deine Fürsorge."
"Oft sind wir heimatlos in der Welt, in dieser Welt, wie sie uns umgibt, ummauert, zu Fälschern macht. Welcher Ort bietet noch Geborgenheit? Die Schublade mit dem gefälschten Pass oder die Schublade mit der geladenen Pistole ..."
"Jetzt werd nicht wieder melancholisch, Andreas, mein Rosenkavalier, und trink einen auf den überstandenen Schrecken. Stoßen wir darauf an, dass wir die Häscher immer so erfolgreich austricksen werden wie eben."
Djavidan schenkte Andreas ein, hob ihr Glas, zwinkerte ihm in der gleichen Art zu, wie er es zuvor an der Badezimmertür getan hatte, und er lächelte. Trank und lächelte, abwechselnd, und konnte von beidem kaum genug kriegen.
"Du sprachst von Heimatlosigkeit. Die Sonne Ägyptens glitzert jeden Tag auf dem Nil und brennt jeden Tag in meinem Herzen. Der Rosengarten in unserem Palais in Kairo duftet jede Nacht, noch immer für mich. Eine gescheiterte Ehe bedeutet nicht das Scheitern der Liebesfähigkeit, die wir in uns tragen. Und deine geliebte Marie liegt in kalter Erde, ja, doch wird sie zugleich jeden Sommermittag über die sonnenerhitzte Weite des ungarischen Tieflands singen, ihre Seele trällert unter dem hohen Himmel der Puszta aus jeder Lerchenkehle nur für dich. Ich weiß, Andreas, es ist schwer, als einfühlsamer Mensch dies ganze Elend sehend zu ertragen. Aber du wirst niemals dir die Pistole an die Schläfe setzen. Du wirst retten. Dazu sind wir auf der Welt, um zu retten. In der Seele ist es immer Jetzt."

Er fühlte eine tiefe Müdigkeit, die Augenlider sanken immer wieder auf den Grund, wie von einem Anker in die Tiefe gezogen. Er hatte große Mühe, seine verdammt schweren Ankerlider mal links mal rechts wieder zu heben. Aus fernem Nebelwabern hörte er die Stimme. Wie das ferne dumpfe Tuten eines Dampfers. Auf hoher See in stürmischer Nacht.

"Wir müssen tatsächlich anfangen. Rettungspläne schmieden. Für Nofretete. Und für deinen ungarischen Bauer. Und für meinen Elefanten. Ich habe auch schon einige Ideen. Wir brauchen einen Filmprojektor."
"Einen Filmprojektor?", murmelte er ungläubig im Halbschlaf.
"Ja, sage ich doch. Einen Projektor, mit dem man Farbfilme abspielen kann. Außerdem einen Film über die Savanne. Das alles kann uns vielleicht Almásy besorgen."
"Almásy?"
Nun rasselten bei Andreas die Ankertaue auf beiden Seiten in die Höhe.
"Ja, der Afrikaforscher Graf László Almásy. Der die prähistorischen Felszeichnungen von Elefanten in der Wüste entdeckt hatte. Ach, ich hätte ihn ja zu gern begleitet bei seinen vielen Reisen in Ägypten und in der Sahara und entlang des Nils bis nach Nubien. Du wirst es mir kaum abnehmen, dass er dort auf einen magyarisch arabischen Stamm gestoßen war. Eine schier unglaubliche Geschichte. Stell dir vor, Magyaren, die zu Afrikanern geworden waren. Ungarische Kinder, die von den Türken verschleppt und später vom Osmanischen Reich in Afrika angesiedelt worden waren. Du kennst doch den Almásy?"
"Ja ... schon, aber wo ...", antwortete Andreas mit Stimmbändern wie aus salzgetränkten Schiffstauen.
"Dein Problem. Schreib, telefonier, telegraphier. Du wirst es schon schaffen. Wer einen Pass fälschen lassen kann, wird auch mit anderen Herausforderungen spielend fertig. Wir brauchen dicke Pinsel und Wandfarben."
"Wandfarben?"
"Genau. Grün, blau, pastellfarben, gelb, auch Ocker."
"Ocker", wiederholte Andreas, mit inzwischen ganz ausgetrocknetem Mund.
"Du hast also genug zu tun. Ich werde inzwischen schauen, was ich für den ungarischen Gast des Deutschen Reiches, für den Landarbeiter in diesem sogenannten Arbeitslager bewirken kann. Aber es war ein aufreibender Tag, sogar die Nacht möchte längst schlafen. Sag bitte deiner Haushälterin, dass sie die nächsten zwei, drei Tage nur für dich zu kochen braucht. Jó éjszakát, fiacskám."

Mit dem ungarischen Gutenachtgruß an "mein Söhnchen" schritt Djavidan aus dem Salon. Andreas hörte sie noch eine Weile in den anderen Räumen nesteln, dann wurde es still. Unheimlich still.
Ihm war es schwindlig.


(Eintrag Nr. 8)


Schreiben...